Die 80:20-Regel für Eltern: warum 100 % oft genauso viel Stress erzeugt wie 0 %

Mit 80 % zu mehr Gelassenheit

Ich hatte neulich ein interessantes Gespräch mit einem Freund, das mich immer noch beschäftigt. Wir haben über ein gesundes Leben gesprochen – und über den Stress, den so ein gesundes Leben erzeugen kann. Das mag seltsam klingen, denn eigentlich geht es ja beim gesund Leben um das genaue Gegenteil: um Stress zu vermeiden in all seinen Formen.
Zur Erinnerung: vor kurzem habe ich Euch ja einen Artikel vorgestellt mit der These, dass Krankheit immer nur durch eine oder mehrere dieser Stress-Arten entsteht. Umgekehrt: wenn wir versuchen, diese Stressoren im Kopf zu behalten und zu minimieren, können wir gesund werden und bleiben. Eines habe ich in diesem Artikel nicht berücksichtigt…

Auch Dogmatismus erzeugt Stress

Ok, „Dogmatismus“ ist vielleicht für die meisten Eltern ein zu starker Begriff. Tausche ihn gegen „Perfektionismus“ aus, wenn Dich das eher anspricht.

Was meine ich damit? Ein Beispiel: nehmen wir an, Du hast bei den Glücksknirpsen schon einiges über Giftstoffe gelesen und Du möchtest nun jegliche Schadstoffe in Küche & Bad zu 100% vermeiden. Du deckst Dich mit schadstofffreien Pfannen & Töpfen ein, verwendest nur gute Öle zum Braten, verzichtest auf Plastikschüsseln aller Art, kaufst nur noch Lebensmittel ohne Aluminium-Verpackung usw. Bio sowieso, aber am besten auch noch Demeter und auch nur noch in Papierverpackungen – und natürlich regional.
Diese Beispiele könnten von uns sein 😉 Ich kann jetzt darüber schmunzeln, aber im Alltag kann das ganz schön stressen. Weil ich dann in zig Geschäfte gehen muss, um all meine selbst gestellten Anforderungen zu erfüllen – und die Hälfte kann ich nur im Internet bestellen, weil ich vor Ort z.B. keinen Reis in Papierverpackung bekomme. Ich bin quasi nur noch am Beschaffen. Was ich früher im normalen Supermarkt in 30 Minuten erledigt hatte, dauert jetzt Stunden – Zeit, die ich eigentlich nicht habe.

Und damit sind wir beim Punkt: jetzt habe ich zwar, um beim Beispiel zu bleiben, viel, viel weniger toxischen Stress – dafür aber viel, viel mehr Stress durch Zeitdruck oder Überlastung. Und zwar laufend.

Zwickmühle & die 80:20-Regel

Wenn das eine Extrem (100 %) Stress erzeugt aber auch das andere Extrem (0 %) – was tun? In dieser Zwickmühle kann uns die berühmte 80:20-Regel helfen, die Du vielleicht auch unter dem Namen Paretoprinzip kennst. Diese Regel besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwands erreicht werden. Um die fehlenden 20 % des Ergebnisses zu erreichen, braucht man 80 % des Gesamtaufwands.
Um bei unserem Beispiel zu bleiben: ich kann schon mit wenig Aufwand viele Giftstoffe vermeiden. Um es aber perfekt zu machen, braucht es sehr viel Aufwand. Ob das jetzt genau 20 % bzw. 80 % sind, weiß ich nicht – aber darum geht es auch nicht.

Bleiben wir nochmal beim gleichen Beispiel und bringen das in folgende Struktur:

  1. Ich möchte alle Schadstoffe vermeiden – egal ob in Küche, Bad, bei der Kleidung o.ä. Um den toxischen Stress zu minimieren. Das ist meine Entscheidung, mein Kompass, der mich bei meinen Konsumentscheidungen führt.
  2. Ich kann das in der mir zur Verfügung stehenden Zeit aber i.d.R. nicht alles zu 100% schaffen. Dafür ist der Aufwand zu groß – und es entsteht eine andere Art von Stress, die auch wieder nicht gesund ist.
  3. Also mache ich es so nur soweit, wie es zeitlich machbar ist und ich meine Gelassenheit behalten kann. So reduziere ich den toxischen Stress soweit, wie mir das gerade möglich ist – und halse mir keinen neuen Stress auf.
  4. Ich formuliere also meine Absicht um: Ich möchte alle Schadstoffe so weit wie möglich vermeiden – egal ob in Küche, Bad, bei der Kleidung u.ä. „So weit wie möglich“ bedeutet: so lange ich das relativ gelassen machen kann. Ich nehme etwas Mehraufwand in Kauf, aber keinen Stress.

Dabei behalte ich immer im Hinterkopf, dass 20 % schon reichen, um 80 % meines Ziels zu erreichen. Ich kann natürlich auch mehr investieren und so mein (toxisches) Stressniveau weiter senken. Ab einem bestimmten Punkt aber wird das (Gesamt-) Stressniveau wieder steigen, weil eine andere Stress-Art (Überlastung, Zeitdruck) mit ins Boot kommt und immer größer wird.

Oder anders formuliert. Ich möchte Schadstoffe vermeiden/nicht schimpfen/zuckerfrei leben/auf Gluten verzichten/etc. – aber nicht perfekt bzw. dogmatisch. Denn Perfektionismus bzw. Dogmatismus erzeugt Stress.

Ich kann das bei einem Bekannten beobachten, den ich bislang selten richtig entspannt erlebt habe. Weil er immer dabei ist, alle seine eigenen Vorsätze perfekt umzusetzen. Er wirkt ständig gestresst – und steckt mit seiner Unruhe auch andere an. Diskussionen mit ihm sind nicht immer leicht, weil wenig Spielraum für Kompromisse besteht. Ich hoffe, dieser Stress macht ihn nicht irgendwann richtig krank – schon jetzt macht er mir keinen wirklich gesunden Eindruck.

Wenn Dich mein Beispiel mit den Lebensmitteln nicht überzeugt, hier noch zwei andere Beispiele:

Die Sehnsucht nach der bewährten, geliebten Plastikhose

Beispiel 2: wenn ich ein Kleidungsstück an meinem Körper trage, möchte ich vermeiden, dass Schadstoffe durch Färbemittel, Spritzmittel, Plastik o.ä. in den Körper gelangen. Das ist zumindest in der Gegend, aus der wir kommen, total schwer. Finde hier mal für die ganze Familie alle Klamotten in GOTS-Qualität. Oder wenigstens in Bio-Qualität und fair hergestellt ohne Kinderarbeit. Und plastikfrei. Die Realität sieht so aus: ich muss bei zig Öko-Versendern zig Pullis, T-Shirts, Hosen etc. zur Probe bestellen. Um dann 95 % wieder zurückzuschicken. Früher bin ich in EINEN Laden gegangen und nachher neu eingekleidet wieder herausgekommen. Heute suche ich stundenlang im Netz nach geeigneten Versendern – und verbringe viel Zeit mit Rücksendungen (und belaste die Umwelt mit den zig Paketen).

Was noch dazu kommt: nach unserer Erfahrung sind Bio-Klamotten weniger lang haltbar, sie sehen schneller „lummelig“ aus, die Farben verblassen schneller – und weil die Auswahl kleiner ist, sitzen viele Dinge auch nicht ganz optimal. Früher hatte ich Socken aus Plastik – die haben ca. 8 Jahre gehalten. Heute halten meine Bio-Socken vielleicht 6 Monate.

Wie sehr mich das manchmal stresst, macht der immer wieder auftauchende Gedanke deutlich: Ach wäre das entspannt, jetzt einfach ins konventionelle Modehaus zu gehen und das Thema „Einkleidung“ innerhalb von 2-3 Stunden für die nächsten 12 Monate erledigt zu haben. Oder jetzt einfach wieder zum Outdoorausrüster zu gehen und mir die Plastikhose zu kaufen, die so perfekt sitzt, so ungemein praktisch und quasi unkaputtbar ist.

Hier hadere ich noch mit mir, weil die Klamotten ja wirklich lange Kontakt mit dem Körper haben. Lieber öfters mal wieder konventionelle Sachen und ein wenig toxischen Stress in Kauf nehmen? Und dafür weniger Einkaufsstress und mehr Zeit zum Leben haben?

Das ist ein Beispiel, bei dem ich die 20:80-Grenze für mich noch nicht gefunden habe und mich ziemlich schwer tue. Meist investiere ich hier doch eher 100 % und bin ziemlich gestresst 🙁

Die liebe Erziehung

Und dann – mein letztes Beispiel – ist da natürlich noch die „Erziehung“. Viele Mamas (und Papas) wollen auf keinen Fall strafen & drohen. Sie möchten auch nicht loben. Sie möchten jeden Wutanfall liebevoll aushalten, weil sie wissen, dass ihr Kind so seinen Stress abbauen muss. Sie möchten zu jeder Zeit achtsam kommunizieren. Sie möchten ihr Kind möglichst nicht fremdbetreuen lassen – und gleichzeitig nicht vor Medien parken. Und sie möchten, dass all die anderen Bezugspersonen unserer Kinder das genauso handhaben. Vor allem der liebe Gatte, der ja oft so gar nicht verstehen will, dass sein Erziehungsstil „schädlich“ für die Entwicklung des Kindes ist 😉

Ich glaube, hier wird das mit dem Dogmatismus ganz besonders deutlich: ich kann das alles im Alltag nicht immer so realisieren, wie ich das gerne hätte. Und jetzt die Quizfrage: muss ich das denn wirklich zu 100% schaffen? Ist es besser, ich mache das auf Teufel komm raus und gerate dabei an mein Limit, bin immer wieder total gestresst. Oder ist es besser, ich sehe das alles als sinnvollen und wundervollen Kompass und versuche, dem Kompass zu „nur“ 80 % zu folgen? Was ist besser für mein Kind? Perfekte Mama kurz vorm Burnout, Mama, die immer mit Papa streitet – oder relaxte Mama, der hin und wieder doch mal eine Drohung rausrutscht (und die sich dann nicht selbst verurteilt, sondern sich in Selbstmitgefühl übt).

Vielleicht ist es auch hier besser, nur 80 % perfekt zu sein – mit 20 % des „Aufwands“? 0 % bewusste Erziehung wäre für die Familie vielleicht ein ähnlich großer Stress wie 100 % bewusste Erziehung – nur in anderer Form?

Relax!

Ich hoffe, Dir ist nun klar geworden, was ich mit der Überschrift „Warum 100 % oft genauso viel Stress erzeugt wie 0 %“ meine. Wenn Du Dich in meinem Beispielen wiederfindest oder Dir andere Beispiele aus Deinem Familienalltag einfallen – vielleicht möchtest Du ja mal ausprobieren, ob die 80:20-Regel Dir auch helfen kann, in den verschiedenen Bereichen entspannter zu werden!

Ich freue mich über Deine Beispiele, Erfahrungen und Sichtweisen!

Und gehe mir jetzt erst mal eine Plastikhose kaufen. Vielleicht 😉