Der fiese Schamane und der letzte Tag meines Lebens

Beim Schreiben dieses Artikels kamen uns ab und zu ein bisschen die Tränen – mal vor Lachen, mal aus Traurigkeit. Dabei ist das Ergebnis reine Fiktion. Wie kann das dann solche Emotionen auslösen? Wie können ein paar Gedanken plötzlich für eine so starke Verbundenheit sorgen?

„Was würde ich machen, wenn heute mein letzter Tag wäre?“ Diese Frage ist ein Klassiker – kenne ich aus zig Ratgebern. Und doch hat sie mein Leben ein Stück weit verändert. Allerdings in dieser Form: „Lebe jeden Tag so, als ob es Dein letzter wäre.“ So kenne ich das aus der buddhistischen Philosophie. Und tatsächlich fällt mir dieser Ratschlag inzwischen mindestens einmal täglich wieder ein – und ich mache schlagartig langsamer, besinne mich auf mein Tun und Denken.

Danke an Nicole von bewusstgluecklich.ch, die uns zu Ihrer Blogparade mit genau diesem Thema eingeladen hat: „Was, wenn morgen Dein letzter Tag wäre?„. Und mich sozusagen zwingt, mich mal wieder intensiver damit auseinanderzusetzen. Und für die o.g. verblüffenden Erfahrungen sorgte.

Woher weiß ich eigentlich, dass heute mein letzter Tag ist?

Ich habe mit dieser Frage ein kleines organisatorisches Problem: ich kann mir nicht vorstellen, woher ich wissen sollte, dass heute mein letzter Tag ist. Der Klassiker ist ja, dass der Arzt einem das sagt. Nur: ich gehe eigentlich nicht mehr zum Arzt. Zumindest nicht wegen Krankheiten. Das hat sich nicht bewährt. Und wenn doch, würde ich eh nicht glauben, was er sagt. Weil auch das sich nicht bewährt hat. Der Arzt müsste also schon überraschend und ungefragt bei mir vor der Haustür stehen. Ich öffne, er sprudelt mit seiner Nachricht heraus, bevor ich die Tür wieder zuknallen kann.

Oder realistischer: ein indianischer Schamane steht vor der Tür und sagt, er habe das von den Geistern erfahren. Dem würde ich es eher glauben.

Denkbar wäre noch, ich erführe es vom Zahnarzt. Denn zu dem gehe ich ab und zu noch. Aber wie viel Karies müsste ich haben für eine solch düstere Prognose? Vorstellen könnte ich mir eine umgesetzte Drohung in diese Richtung: „Herr Clemens, wenn Sie nochmal fragen, was man gegen Karies tun kann, kippe ich Ihnen einen Kanister Fluorid in den Mund. Karies ist nicht heilbar, sonst müsste ich meine Mitgliedschaft im Golfclub kündigen! Nur Bohren und Füllen hilft, ein für alle mal!“.

Aber gut: der Aufgabe wegen nehmen wir jetzt einfach mal das Szenario mit dem Schamanen an… 😉

Nur ein bisschen arbeiten

Was also würde ich heute machen? Ich würde auf jeden Fall keine 6 h arbeiten, sondern vielleicht nur 30 Minuten. Um einen Mail-Autoresponder für unsere Internetagentur einzurichten: „Lieber Kunde, heute ist mein letzter Tag. Ab morgen bin ich am Reinkarnieren. Die ersten 4 Jahre danach werde ich keinen Mailzugang haben.“ Und das Ganze noch auf Englisch, für unseren brasilianischen Kunden.

Dann würde ich noch unsere Kamera mitnehmen, um den Tag zu dokumentieren.

Ein paar aufregende Experimente

Z.B. wie Kiki sich folgenden Traum erfüllt: Auszuprobieren was passiert, wenn man beim Smoothies machen auf Stufe 10 diesen kleinen Deckel vom Thermomix offen lässt. Das war ihr erster Gedanke als sie sich mit der Fragestellung dieses Artikels beschäftigt hat.

Ihr zweiter: sie würde gerne ausprobieren, ob man unsere Autoschlüssel-Karte während der Fahrt aus dem Schacht ziehen kann. Ja, Kiki kommt manchmal auf seltsame Gedanken, aber ich würde ihr auch diesen Gefallen tun, allerdings nur bei einer Fahrt im Schritttempo. Schließlich ist es ja nur MEIN letzter Tag.

Grüner Saft muss sein

Was würde ich noch machen? Ich würde frühstücken wie immer – mit Obst und grünem Saft. Vielleicht hilft das ja, mein Leben doch noch zu verlängern 😉. Dazu noch 3 Globuli – vielleicht gibt es welche pauschal gegen letzte Tage? Bei Kiki helfen die Dinger immer, vielleicht ja auch mal bei mir?

Dann würde heute auf jeden Fall ICH zu den Kindern hochgehen, wenn sie endlich ausgeschlafen haben. In diese lebensfrohen Gesichter schauen, wenn sie gerade wach geworden sind. Und hören, was ihnen jetzt schon im Kopf herumspuckt. Unten würde ich Tim dann eine Yakari-Geschichte vorlesen und mit Lukas im Garten schauen, ob die Kirschen schon größer geworden sind.

Ausflug ins Grüne

Nach dem Frühstück machen wir einen Ausflug ins Grüne. Ich würde eine Burgruine besuchen, das gefällt den Kindern. Mit Picknick vermutlich. Essen gehen wäre auch cool, allerdings nur Salat, obwohl ich lieber eine Pizza Funghi hätte. Aber ich möchte an meinem letzten Tag ja nicht stundenlang müde mit meiner Verdauung kämpfen oder gar ne halbe Stunde auf dem Klo verbringen. Nein, am letzten Tag keine Pizza. Vielleicht abends?

Wir besteigen alle Türme der Ruine, erforschen alle Gänge und Nischen. Lukas pflückt „Unkraut“ aus Mauerritzen und fragt, ob er das essen darf. Ich sage ja und freue mich. Dann setzen wir uns irgendwo ins Gras und lesen den Kindern Bücher vor.

Anschließend wird mit den Kindern rumgetobt. Sie stehen auf, ich werfe sie zu Boden. Immer und immer wieder. Und höre ihrem Lachen zu, das bei diesem Spiel nie aufhört. Und klar: Kiki wird auch mit reingezogen, bis die ganze Familie lachend auf dem Gras liegt.

Das wäre ein interessantes Experiment für meinen nächsten letzten Tag: kann man das Spiel wirklich ewig spielen? Oder verlieren die Kinder doch irgendwann die Lust? Was passiert, wenn ein Kind 3 h am Stück gelacht hat?

Nachmittag 1: Auf dem Spielplatz mit Freunden

Am Nachmittag dann bitte ich den indianischen Schamanen, den Nachmittag zu verdoppeln. Einer ist mir zu wenig an meinem letzten Tag. Und wenn der Kerl schon so überraschend mit einer so schlechten Nachricht bei mir aufkreuzt, kann er mir ruhig auch einen kleine Gefallen tun.

Nachmittag 1 würde ich dann zusammen mit unseren Freunden verbringen. Irgendwo auf einem Spielplatz. Rumalbern, philosophieren und mit den Kindern Fangen in allen 20 Varianten spielen. Barfuß natürlich. Dazu die neusten veganen und rohköstlichen Leckereien. Und mit Kiki auf der Wippe wippen, sie jeweils einen halben Meter nach oben hüpfen und am Ende oben ein wenig verhungern lassen 😉

Nachmittag 2: Im Biergarten mit der Familie

Nachmittag 2 würde ich zusammen mit meinen Eltern und dem Rest meiner Verwandschaft verbringen. Biergarten wäre fein. Völlig entspannt und harmonisch den Rest des warmen Tags genießen. Mit meiner Mutter über Smoothies und ähnliche Themen reden – und dabei die Kinder mit Tannenzapfen bewerfen. Und uns dann von einer anderen Mutter beschimpfen lassen, weil man so etwas doch nicht macht.

Meine Oma würde ich auch ein wenig ärgern, indem wir wieder alle barfuß herumlaufen – weil man so etwas ja auch nicht macht, schon gar nicht in einem Restaurant oder Biergarten. Dazu noch mit ungebügelten T-Shirts.

Ligretto-Challenge

Die Kinder dürfen heute so lange wach bleiben, wie sie möchten. Dann gibt’s eine lange Gute-Nacht-Geschichte und unser Dankes-Ritual. Das wird vermutlich ziemlich tränenreich. Ob die Kinder schlafen könnten?

Hey, aufraffen und den Rest des letzten Tages genießen! Eine Pizza Funghi bestellen. Und mit Kiki Ligretto spielen – wie in alten Zeiten. Nachdem Kiki das 10 mal hintereinander verloren hat, ist sie beleidigt. Doch damit habe ich gerechnet….

Der letzte Heiratsantrag

… und mache Ihr einen Heiratsantrag. Doch, wir sind bereits verheiratet, aber das macht nichts. An meinem letzten Tag möchte ich das gerne erneuern. Schon allein, um Kiki von ihrer Ligretto-Niederlage abzulenken 😉 Wir liegen uns in den Armen und kämpfen mit den Tränen. Und irgendwann legen wir uns oben zu den Kindern ins Bett, kuscheln uns zwischen sie. Wir liegen noch lange wach bevor wir endlich einschlafen…

Der nächste Morgen

Am nächsten Morgen werde ich geweckt. Weil ich so Durst von der verdammten Pizza habe. Und weil es an der Tür klingelt. Es ist der Schamane von gestern, der mich frech angrinst. „Lektion gelernt?“, fragt er. Bevor ich ihn zurück fragen kann, ob ich ihn für unseren Blog interviewen kann, ist er plötzlich wieder verschwunden.

Egal. Ich beschließe, den gestrigen Tag heute nochmal zu wiederholen. Nein, zweimal. Denn der Schamane wird mir den Nachmittags sicherlich nicht noch einmal verdoppeln.

Und danach kaufen wir uns endlich ein Wohnmobil und machen, wovon wir schon seit 2 Jahren träumen: wir reisen durch Europa. Und zeigen (uns und) unseren Kindern das Leben und die Welt. Und dokumentieren das natürlich hier für Euch auf unserem Blog.

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