Autopilot aus – Liebe an: eine Achtsamkeitsübung für Eltern

Oft sind wir uns im Alltag gar nicht richtig darüber bewusst, wie sehr wir unsere Kinder (und auch unseren Partner, unsere Eltern etc.) lieben. Wir sind im Stress, sehen eher die „Mängel“ oder leben, gefangen in Alltag & Routine, mehr oder weniger nebeneinander her. Wir fliegen sozusagen im Autopilot durch den Tag ohne wirklich bewusst das Steuer in die Hand zu nehmen. Und abends, wenn Ruhe einkehrt, denken wir dann: Oje, jetzt sind die Kinder wieder einen Tag älter – sie sind schon so groß! Wie viel Zeit bleibt uns noch, gemeinsam die Welt zu entdecken?

Jeden Tag eine schöne Zeit miteinander haben

So ging (und geht) es zumindest uns oft. Aber es gibt eine wunderschöne, kurze Achtsamkeitsübung für Eltern, um uns jeden Tag daran zu erinnern, diesen Tag bewusster zu leben. Und daran, wie sehr wir unsere Kinder lieben! Um dann abends zufrieden festzustellen: Hey, zwar sind die Kinder auch heute Abend wieder einen Tag älter – aber ich habe nichts zu bereuen, denn wir hatten heute eine ganz schöne Zeit miteinander!

Die Übung, von der ich spreche, ist die Meditation der liebenden Güte. Klingt gestelzt, ist aber ganz einfach, dauert nur wenige Minuten und ist sehr wirkungsvoll. Denn, das ist zumindest meine Erfahrung, sie kann den Tag komplett verändern. Wenn ich z.B. schon morgens nach dem Aufstehen den Kopf voller Todos habe, erinnere ich mich mit dieser kleinen Übung an das Wichtigste in meinem Leben: die Zeit mit meinen Kindern (und mit KIKI und anderen Menschen, die ich liebe) bewusst und so schön wie möglich zu verbringen. Und der Tag nimmt eine andere Wendung… 😉

Möchtest Du diese Achtsamkeitsübung auch mal ausprobieren? Hier findest meine ganz persönliche Variante davon:

Ein wenig Theorie…

Die Meditation kommt aus der buddhistischen Tradition und heißt auch Metta-Meditation. Metta bedeutet Liebe, Freundschaft, Güte, Sympathie. Man beginnt zunächst damit, sich selbst Gutes zu wünschen. Danach dann anderen Menschen – Familienmitgliedern, Freunden oder auch Menschen, die man eigentlich gar nicht sonderlich leiden kann.

Ich mache diese Achtsamkeitsübung oft morgens liegend im Bett oder sitzend im Wohnzimmer, am Strand, im Auto oder sonstwo. Augen zu uns los geht es!

Lass Dich nicht davon irritieren, damit zu beginnen, Dir selbst Gutes zu wünschen. Das ist für viele von uns ungewöhnlich. Aber es heißt – und ich finde, das stimmt: nur wenn wir uns selbst lieben, können wir andere lieben. Kleiner Trick, wenn Dir das schwer fällt: stelle Dir dabei Dich selbst als Kind vor. Als unschuldiges, kleines Kind. Ich stelle mir immer den kleinen Christian vor – mit etwa 5 Jahren. Wie könnte ich einen kleinen unschuldigen Jungen von 5 Jahren nicht lieben? 😉 Finde Dein eigenes Bild, indem Du verschiedene ausprobierst und fühlst, welches besser für Dich „funktioniert“!

Wenn Dir die folgenden Formulierungen etwas zu gestelzt vorkommen, dann formuliere sie einfach um – bis Du Dich damit wohlfühlst. Und sage Dir die Formulierung nicht einfach nur im Geiste vor, sondern fühle sie im Herzen! Das ist der Witz daran! Es ist wie bei einem Gedicht: wenn Du es auswendig runterleierst ist das viel weniger wirksam, als wenn Du die Worte beim sprechen fühlst und ihnen mit Sprache und Mimik Ausdruck verleihst. Nur so kannst Du Dein Publikum berühren – oder im Falle unserer Meditation: Dich selbst! 😉

… und jetzt die Praxis

Also: spreche (und fühle!) jede Zeile innerlich 3- 5 mal – und gehe dann zur nächsten Zeile:

Möge ich gesund sein und frei von jedem Leid!
Möge ich frei sein von Hass, Gier und Verblendung!
Möge ich erfüllt sein mit Ruhe, Gelassenheit und Frieden!
Möge ich glücklich sein!

Das sind die „offiziellen“ Formeln. Ich wandle das für mich je nach Bedarf ab, z.B.:

Möge ich glücklich und zufrieden sein!
Möge ich voller Zuversicht sein!
Möge ich mich selbst so annehmen, wie ich bin!

Danach stelle Dir z.B. Deinen Partner vor und wiederhole die obigen Zeilen. Spüre, wie ein Gefühl von Wohlwollen, Freude, Liebe, Güte o.ä. in Dir aufsteigt! Wenn Dir das schwer fällt, suche Situationen, in denen Dir das vielleicht leichter fällt. Vielleicht der Tag der Hochzeit, als Du ihr/ihm in die Augen geblickt hast.

Im 3. Durchgang stellst Du Dir dann Dein eines Kind vor, im vierten Dein anderes Kind usw. Auch hier wandle ich die Formeln so ab, wie es für mich gerade passt, wie es sich gut und stark anfühlt. Beispiele:

Mögest Du Deinen Weg gehen, wie es dem Bauplan Deiner Seele entspricht (und stelle mir dabei vor, wie mein Kind alles erreichen kann, was es möchte – ohne dass ihm seine Eltern oder anderen Menschen, bewusst oder unbewusst, Steine in den Weg legen).
Mögest Du frei sein von Eifersucht!
Mögest Du voller Selbstvertrauen sein!

Je nachdem wie viel Zeit Du heute hast oder wie gut Du Dich konzentrieren kannst, kannst Du noch einen weiteren Durchgang machen mit jemanden, mit dem Du nicht so ganz grün bist, z.B. mit der berühmten Schwiegermutter, dem nervigen Nachbarn, dem ungerechten Chef o.ä. Dann merkst Du plötzlich, was liebende Güte wirklich bedeutet! 😉

Du kannst Deine liebende Güte in einem weiteren Durchgang auch auf alle Menschen in Deiner Stadt, Deinem Land oder der ganzen Welt ausweiten. Und/oder auf alle Lebewesen der Erde. Wenn ich mir die Menschen der ganzen Welt vorstelle, dann u.a. oft auch skrupelose Konzernchefs, die Regenwälder abholzen oder andere Verbrechen an unserer Umwelt oder ihren Mitmenschen verüben. Das ist dann nochmal eine Nummer schwerer als die Sache mit dem nervigen Nachbarn 😉

Ach ja: und wenn Du mal weniger Zeit hast, dann kannst Du die Übung natürlich auch beliebig kürzen. Z.B. heute nur mit Dir und Deiner Tochter machen, morgen dann mit Dir und Deinem Sohn. Experimentiere einfach und finde Deinen eigenen Weg. Es gibt hier kein falsch und kein richtig!

Noch ein kleiner Motivationsschub

Ach ja, hier noch ein kleiner, zusätzlicher Motivationsschub: Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass regelmäßiges Praktizieren dieser Achtsamkeitsübung schon nach kurzer Zeit dazu führt, dass sich der Übende besser und psychisch stabiler fühlt. Denn durch das regelmäßige Üben trainieren wir ja sozusagen das sich Glücklich fühlen. Das Üben füht zu einer Zunahme positiver Gefühle, zu vermehrter Achtsamkeit, größerem Sinnerleben, positiveren Beziehungen zu anderen Personen (und zu sich selbst) und weniger körperliche Beschwerden.

Ich selbst mache die Übung nicht regelmäßig, sondern immer mal wieder ein paar Wochen lang oder spontan, wenn ich sie gerade brauche. Der Anspruch, jeden Tag üben zu „müssen“, kann nämlich auch unter Druck setzen. Und das ist nach meiner Erfahrung kontroproduktiv.